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Karlsbader Klartext

Kaum jemand ahnt, was für ein trauriges Nachleben berühmte Dichter führen. Zwar stehen an vielen Orten Denkmäler von ihnen, aber welcher Mensch, der heute vorübergeht, weiß noch, wen er da vor sich hat? Endgültig qualvoll wird die Situation der Geistesheroen dadurch, dass sie, was kaum bekannt ist, in einem ihrer Denkmäler jeweils inkarnieren, sodass sie an dem betreffenden Ort persönlich mitkriegen, was die Nachgeborenen über sie reden. Bei Goethe ist es Karlsbad beziehungsweise die Büste am Ortsausgang, zweihundert Meter hinter dem Grandhotel Pupp. Herausfinden kann sowas nur die Wahrheitsdrohne, die auf ihrem Vorbeiflug an dem Denkmal blitzartig von einem Gedanken Goethes getroffen wurde.

„Deine läppischen vier Windrädchen hau ich dir ab und versklav dich als Buchstütze, du Fluggerippe!“

Stopp. Die Drohne legt den Rückwärtsgang ein und begibt sich direkt unter die himmelwärts verdrehten Dichteraugen. „Bitte was? Würden Sie das noch mal wiederholen?“

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„Ach, wie heiß es heute wieder ist, erlaubte ich mir zu bemerken“, schwindelt der Großgeist, ohne rot zu werden. „Na, Sie haben ja Ihre vier Ventilatoren dabei.“

„Und Sie haben das schattige Waldplätzchen. Vom hohen Sockel gejammert nenn ich das.“

„Rühren Sie nicht in der Wunde“, greint der Große weiter. „Ein Plätzchen fürwahr, um von der Welt vergessen zu werden. Schiller, zweihundert Meter weiter, hat einen Altar, auf dem man drei Ochsen braten könnte. Sechzehn Mal war ich in Böhmen, der Kerl kein Drittel so oft – ist das gerecht?“

„Dafür steht er für den erotischsten Moment der neueren deutschen Filmgeschichte, als Theresa Weißbach Matthias Schweighöfer fragt: ‚Und, Herr Schiller, wann kommen Sie wieder in die böhmischen Wälder?‘ (‚Schiller’, D 2005) Sorry, Herr Geheimrat, sowas wie ‚Die Räuber‘ wirkt auf Frauen doch stärker als Ihre Marienbader Elegie.“

„Dem Beethoven, dem Flegel, haben Sie gleich den ganzen Waldrand gegeben. Wenn das der Kaiser wüsste.“

Die Drohne will auch mal was Nettes sagen: „Da steht er doch nur, weil er mit Bäumen besser kann als mit Menschen. Erinnern Sie sich noch, 1812? Als Sie beide sich erstmals begegneten in Teplitz, hier um die Ecke, und plötzlich der Kaiser auftauchte? Sie sofort beiseite und den Katzbuckel gemacht. Und Beethoven wie ein Panzer mitten durch das Gefolge – der Kaiser grad noch weggehechtet, sonst hätt der Irre ihn umgewalzt. So einen kannst du nur in den Wald stellen.“

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„Mein Wohnhaus an der Promenade nennt sich ‚Hotel Mozart‘, obwohl der Leichtmatrose da nie einen Fuß reingesetzt hat. Auf dem Nachbarhaus steht: ‚Goethe‘s Beerhouse‘. Dabei hab ich weder Bier getrunken noch Tabak geraucht hier. Brav jeden Morgen meine sechs Becher warmes Wasser getrunken hab ich und zwei Mal die Woche heilgebadet.“

„Und was war mit den Mädels? Mit der Ulrike zum Beispiel?“

„Ach, das geht doch keinen was an.“

„Genau das ist Ihr Fehler. Wortreich ausgeschwiegen haben Sie sich über Karlsbad.“ Die Drohne fliegt seitwärts zu einer Tafel und liest Goethe vor, was er geschrieben hat:

 

Was ich dort gelebt, genossen,

Was mir all dorther entsprossen,

Welche Freude, welche Kenntnis,

Wär ein allzulang Geständnis!

Mög‘ es jeden so erfreuen,

die Erfahrenen, die Neuen!

 

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„Aber was war es?? Keinerlei Auskunft geben Sie! Der Fontane in seinem Bad Kissingen war da genauer. Mit den drei Heilquellen fängt er an, aber dann kommt Klartext:“

 

Max, Rakoczy und Pandur

Thun immer die Hälfte nur.

Andere Sprossen auf der Leiter

Führen auf dem Heilsweg weiter:

Lindesmühle, Bodenlaube,

Unentwegter Saalwein-Glaube

Und das fränkische freundliche Wesen

Fügt den Schlußstein zum Genesen.

 

„Die Wirtshäuser mit Namen, das bevorzugte Getränk, erwiesene Freundlichkeiten … darunter kann man sich was vorstellen! Weswegen der Mann heute nicht auf einem Sockel herumsteht, sondern jedes Jahr zum Rakoczy-Umzug als lebendiger Grüßtheodor zweispännig durch die Stadt fährt und die Huldigungen der Bad Kissinger:innen entgegennimmt.“

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„Sind Sie bald fertig mit Ihren Demütigungen?“

„Gleich. Mein Besitzer ist auch Dichter. Der wurde vom heilkräftigen Karlsbader Wasser viel üppiger gesegnet als Sie. Ist morgens aufgewacht in seinem Appartement, schlaftrunken Richtung Bad getappt und – komisch – zwei Zimmer vorher schon bis zu den Knöcheln im Wasser gestanden. Hat die Augen aufgerissen: Aus der Küche kams gesprudelt, von unter der Spüle, seit vielen Stunden bereits, wie anzunehmen ist. Nachdem er den Haupthahn gefunden und zugedreht hat, war Ruhe. Und bis der Host in der Tür stand (zusammen mit der Nachbarin, deren Wohnung durch die Wand ebenfalls vollgelaufen war), hatte mein Gebieter schon eine Stunde das Wasser in einen Eimer geschippt und ins Klo, den Rest aufgeschrubbert, -gewischt, getrocknet. Nicht ohne als erstes ein Foto gemacht zu haben.

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Dann wurde im ganzen Haus das Wasser abgestellt. Der Mann musste ungeduscht und unverrichteter Morgengeschäfte raus in die pinkelfeine Stadt. ‚No water, no money‘, lautete sein Abschiedsgruß an den Host, der sich umgehend an die Reparatur machte.“

„Ja und dann?“ Goethe nimmt Anteil. „Was macht man in einem solchen Zustand an einem der mondänsten Orte Europas?“

„Ja was? Man erlebt den ultimativen Karlsbader Wassersegen! Läuft die Promenade runter, vorbei am Pupp, an Ihnen, an Schiller und Beethoven, raus aus der Stadt, steigt runter an das noch von keiner Stadt berührte oberste Tepla-Ufer, legt ein Handtuch bereit, entkleidet sich, holt das Duschgel aus dem Rucksack und badet sich zwischen den saubersten Steinen Böhmens so rein, wie man noch nie war. Das Ganze von niemandem gesehen oder geahnt, Stunden bevor die heilgeschäftige Stadt erwachen wird, von Busch und Baum verborgen noch vor dem ersten neugierigen Karnickel des jungen Kurparkmorgens.

Goethe ist berührt. Dann arbeitet es in seinem großen Kopf. „Eine Frage hätt ich noch. Das Geschäft konnte ja ebenfalls nicht erledigt werden. Wie – – ging das aus?“

Die Drohne bedauert, dass Drohnen nicht lachen können. „Da seien Sie ganz unbesorgt. Der Weg führte, wie Sie mit Schrecken vernahmen, an Ihnen vorbei und das Schreckliche hätte, wie Sie trefflich kombinieren, Sie treffen können – hätten Sie einen geräumigeren Standplatz, hinter dem ein Notdürftiger vor den Blicken möglicher Wanderer Schutz suchen könnte. Aber den haben Sie nicht. Den hat Ihr Kollege Schiller und so zuweilen, was uns am tiefsten kränkt, zugleich sein, wenn auch verborgenes, Gutes. Hinter Schiller hinwiederum sich etwas zugetragen, von dem auch das Werk, das mein Besitzer dem Vorfall gewidmet hat, schweigt:

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Baden in der und der

 

Ein Bad in der Tepla

nimmst du liegend

auf freundlichen Steinen

und um dich rum

fließt das Wasser der Tepla

wie das Wasser der Eva

um dich rum

in ihrem Schwitzkasten

nächtlich floss.

 

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